Charisma ist immer authentisch
von Stéphane Etrillard
Für viele Menschen gilt Charisma als das Nonplusultra der persönlichen Wirkung.
Denn charismatische Personen begeistern, überzeugen, inspirieren, strahlen Zuversicht,
Souveränität und Glaubwürdigkeit aus und wirken obendrein auch noch sympathisch.
Und das alles ohne große Anstrengung und vollkommen unabhängig von der sozialen
oder beruflichen Stellung. Es ist also kein Wunder, dass viele den Wunsch hegen,
auch über dieses gewisse Etwas zu verfügen.
Doch die charismatische Persönlichkeit ist keine Rolle, in die man bei Bedarf einfach
hineinschlüpfen kann; Charisma ist immer echt und entfaltet sich nur, wenn es einer
authentischen Persönlichkeit entspringt. Es lässt sich zwar in gewissen Grenzen
erlernen, dieses Erlernen ist aber stets an eine Entwicklung der eigenen Persönlichkeit
gebunden. Die Strahlkraft charismatischer Menschen speist sich aus ihren tatsächlichen
persönlichen Eigenschaften, sie lässt sich nicht wie ein Kostüm überstreifen.
Wer dennoch versucht, Charisma auf Knopfdruck zu entwickeln, wird spätestens an
den Reaktionen seiner Mitmenschen erkennen, dass dieser Versuch ins Leere läuft
und im schlimmsten Falle sogar der persönlichen Wirkung schadet. Wer sich bloß das
Äußere von charismatischen Menschen zum Vorbild nimmt und versucht, ihr Auftreten,
ihre Gesten, Worte, ihre Wirkung zu kopieren, wirkt zwangsläufig gekünstelt, aufgesetzt
und nicht selten arrogant und eitel. Die Kluft zwischen Schein und Sein driftet
dann immer weiter auseinander, und echtes Charisma wird unerreichbar. Charisma entsteht
nämlich nicht aufgrund äußerlicher Merkmale, es ist vielmehr eine Frage der inneren
Einstellung zu sich selbst, zu anderen Menschen und zu den alltäglichen und besonderen
Dingen des Lebens. Die Wirkung nach außen kommt von allein. Man kann sie zwar unterstreichen,
aber niemals aus dem Nichts "hervorzaubern".
Eine positive innere Einstellung zu sich selbst fußt auf einem ausgeprägten Selbstbewusstsein,
das bedeutet, man kennt und akzeptiert die eigenen Wünsche und Bedürfnisse, Stärken
und Schwächen, Überzeugungen und Ansichten, Ambitionen und Ziele. Man ist sich seiner
selbst bewusst und entwickelt ein gesundes Selbstwertgefühl. Nur unter dieser Voraussetzung
ist es möglich, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und sich integer zu verhalten,
sodass die eigenen Entscheidungen und Handlungen mit den persönlichen Maßstäben
und Vorstellungen im Einklang stehen. Das wiederum ist die Bedingung dafür, dass
Menschen die persönliche Verantwortung für ihr Entscheiden und Handeln übernehmen
und dafür einstehen, auch wenn sie Fehler gemacht haben oder Irrtümern aufgesessen
sind. Integrität und Verantwortung festigen die eigene Persönlichkeit und sorgen
dafür, dass man von anderen als glaubwürdig, souverän und verlässlich wahrgenommen
wird.
Wer über eine solche in sich gefestigte Persönlichkeit verfügt, dem fällt es leicht,
sich auf andere Menschen einzulassen, ihnen offen und mit ehrlichem Interesse zu
begegnen, sich über ihre Erfolge zu freuen und sie bei Schwierigkeiten zu unterstützen.
Deshalb wirken charismatische Menschen auch nie arrogant oder egoistisch, sondern
glänzen durch Einfühlungsvermögen, ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit und Toleranz.
Andere Menschen stehen für sie nicht in Konkurrenz zur eigenen Person, sondern sind
eine Bereicherung für das eigene Leben. Das gilt genauso für neue Herausforderungen
oder Aufgaben und Pflichten. Auf der Basis einer gefestigten Persönlichkeit ist
es leicht, sich mit Begeisterung und Leidenschaft einer Aufgabe zu widmen, sie als
Chance und als Gewinn zu begreifen. Auch etwaige Fehlschläge können diese Sicht
kaum trüben, denn sie rütteln nicht am Selbstwertgefühl, sondern werden als Teil
der Herausforderung aufgefasst.
Unter dem Einfluss eines mangelnden Selbstwertgefühls oder gar von Selbstzweifeln
steht hingegen häufig die Gefahr des Scheiterns im Zentrum der Aufmerksamkeit. Mögliche
Fehler oder Rückschläge werden dann als persönliche Niederlage gewertet, die das
Selbstwertgefühl weiter beschädigen. Das hat auch Auswirkungen auf die Einstellung
zu anderen Menschen. Der Erfolg eines anderen erscheint dann schnell als Vorteil
eines Konkurrenten, für den man sich kaum freuen kann, denn er steht jetzt besser
da als man selbst. So ist es beinahe unmöglich, vorbehaltlos auf andere Menschen
zuzugehen und ihnen echtes Interesse entgegenzubringen. Das schmälert die Fähigkeit,
andere zu begeistern und von der eigenen Persönlichkeit zu überzeugen. An Charisma
ist unter diesen Bedingungen nicht zu denken. Selbst eine hohe Machtposition, ein
perfektes und teures Outfit, eine brillant formulierte Rede oder andere hochwertige
Attribute würden daran nichts ändern, solang ein gesundes Selbstwertgefühl, Verantwortungsbewusstsein
und die positive Einstellung zu sich und zu anderen nicht authentischer Bestandteil
der Persönlichkeit sind.
Diese Einsichten stellen keineswegs ein Hindernis dar. Im Gegenteil: Sie sollen
zeigen, dass es durchaus möglich ist, Charisma zu entwickeln, auch wenn es Ihnen
nicht in die Wiege gelegt wurde. Doch es bedarf etwas Arbeit an sich selbst, denn
all das, was einen charismatischen Menschen ausmacht, ist echt. Er wirkt nicht nur
zuversichtlich, souverän, begeisterungsfähig und aufgeschlossen, er ist es tatsächlich.
Und davon profitieren längst nicht nur die Menschen aus Ihrem Umfeld, sondern insbesondere
Sie selbst!
© Stéphane Etrillard, 2010